Ullstein und Life_Ticker

Bildpublizistik im 20. Jahrhundert

Interview mit Prof. Patrick Rössler, Medien- und Kommunikationswissenschaft, Universität Erfurt

Die Kunsthalle Erfurt zeigt ab November 2026 die Ausstellung Life_Ticker – Bildpublizistik im 20. Jahrhundert. Der Kurator dieser Ausstellung, Prof. Patrick Rössler, lehrt Kommunikationswissenschaft an der Universität Erfurt.

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Herr Rössler, Sie haben sich für diese Ausstellung nicht nur umgeschaut in der fotografischen Sammlung Ullstein, Sie haben hier umfassend gesichtet und recherchiert, um die entscheidenden Exponate ausfindig zu machen. Wissend um die Möglichkeiten einer der reichhaltigsten fotografischen Sammlungen?

Tatsächlich ist der Bestand von ullstein bild legendär. Aber das Hörensagen verblasst schnell, wenn man einmal selbst in dieser großartigen Halle steht mit den endlosen Schubladenschränken… Klar entwickelt man Vorstellungen, was einen erwartet, aber diese überwältigende Menge an visueller Überlieferung ist unvorstellbar, wenn man sie nicht mit eigenen Augen gesehen hat. Mit „mal umschauen“ wäre ich hier nicht weit gekommen – der Anspruch meiner Ausstellung ist akademisch, und das verlangt eine akribische Recherche, das ist man seinem Publikum schuldig.

Das Ergebnis der Sichtungen schlägt sich nieder in einem vielseitigen und hohen Anteil von Originalwerken aus der Ullstein-Sammlung, die nun in der Erfurter Ausstellung gezeigt werden können. Welches Spektrum der Bildpublizistik eröffnet sich auf diese Weise?

Die Ausstellung deckt das gesamte 20. Jahrhundert ab, die ausgewählten Werke aus dem Ullstein-Archiv entstammen ausnahmslos der Zwischenkriegszeit, der ersten Blüte des Bildjournalismus in Deutschland. Ohne einige Klassiker von Martin Munkácsi, Umbo oder Yva geht es nicht; aber es gibt auch vieles zu bestaunen, das seit seiner Veröffentlichung vor knapp 100 Jahren in Vergessenheit geraten war. Das sind unbekannte Motive bekannter Fotografinnen und Fotografen, aber auch Entdeckungen, die bisher noch in keiner Ausstellung zu sehen waren.

Zur Idee dieser Ausstellung, Fotografien und ihre Veröffentlichungen erstmalig gleichberechtigt nebeneinander zu zeigen: Welche Aussagen lassen sich unter diesen Voraussetzungen treffen, welche neuen Perspektiven erwarten die Ausstellungsbesucher?

Der einzelne fotografische Abzug hat es schwer, politische oder gesellschaftliche Wirkung zu entfalten: Es ist die Verbreitung in den Massenmedien der Zeit, die einem Foto seinen Stellenwert verleiht. Wir präsentieren konsequent und ausschließlich die Abzüge und ihre Abdrucke nebeneinander, um zu verdeutlichen, in welchen Zusammenhängen die Bilder veröffentlicht wurden und vor allem in welcher Art von Medium, für welche Zielgruppe und mit welchem Ausstrahlungseffekt. Dabei müssen die Besucherinnen und Besucher jede Menge Redundanz ertragen – dasselbe Motiv, manchmal in drei, vier unterschiedlichen Fassungen, beschnitten, koloriert, seitenverkehrt oder verdreht abgedruckt. Man erkennt dabei, dass es nicht das eine Bild gibt, sondern dass neben dem Fotografen auch die Bildredakteure durch ihre Auswahl und ihre Bearbeitung wesentlich geprägt haben, was wir heute als fotografischen Kanon des 20. Jahrhunderts ansehen.

Welche Konsequenzen für unsere heutige Wahrnehmung von Bildern und Fotografie resultieren aus den hier gewonnenen Einblicken?

Heute wird so viel fotografiert wie nie zuvor, jede und jeder von uns hat ein eigenes gewaltiges Bildarchiv auf dem eigenen mobilen Gerät oder in der Cloud. Und selbst die Auswahl, die es über Websites, Instagram, Facebook oder andere soziale Medien in die digitale Öffentlichkeit schafft, ist kaum mehr zu durchdringen. Aber trotzdem gab und gibt es immer einige Motive, die aus der Masse herausragen – und diese Position erhalten sie durch die Beachtung anderer, seien es früher die Bildredaktionen oder heute ihre Likes und Kommentare. Das schafft Aufmerksamkeit für einige Bilder, die im besten Fall Teil unseres visuellen Gedächtnisses werden. Nach wie vor besitzen diese einzelnen Fotos die Kraft, eine komplexe Situation in einem kurzen Moment zu konservieren. Wir müssen uns nur die Mühe machen, genau hinzusehen, statt bloß nach Sekundenbruchteilen weiterzuwischen.

Gibt es eine „Auslese“ unter den Ullstein-Exponaten, die sich für Sie während der Vorbereitungen zur Ausstellung herauskristallisiert hat, definierbar zum Beispiel über einen besonders hohen Aussagewert?

Zunächst haben die meisten Ullstein-Exponate einen besonderen Aussagewert, weil in fast allen Fällen auf der Rückseite die Publikationshistorie vermerkt wurde. Wo ansonsten die Recherche von Foto und Abdruck oft zur Suche nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen wurde, war aus den handschriftlichen Notizen der Ullstein-Archivarinnen und -Archivare häufig zu entnehmen, wo man einen Abdruck des betreffenden Motivs finden könnte. Aber wenn Sie mich nach einzelnen Fotos fragen, die für mich eine besondere Bedeutung gewonnen haben, dann gehören dazu zweifellos die beiden jungen Frauen auf dem Motorrad, die unser Plakat zieren und die Lebensfreude vieler Jugendlicher in den 1920er Jahren verkörpern. Wir wissen heute, wie kurzlebig diese Aufbruchstimmung war, und in welche Katastrophe sie münden würde – davon ahnen diese beiden Teenager nichts. Ganz anders ist ein anderer meiner Favoriten konzipiert: In einer Fotoserie hat Karl Schenker seine Gattin Lilli in unterschiedlichen Stilen und mit wechselndem Ausdruck aufgenommen, und damit nicht nur eine augenzwinkernde Allegorie auf die soziologischen Rollenkonzepte geschaffen; er entlarvt damit auch die vermeintliche „Objektivität“ des Kamera-Auges als scheinbar unbestechlichen Beobachter seiner Zeit.

Welche Erkenntnisse und Zusammenhänge vermitteln Sie auch anhand dieser Ausstellung vor allem Ihren Studentinnen und Studenten?

Alle jungen Erwachsenen, die ich heute unterrichte, sind als Digital Natives in einer Welt aufgewachsen, in der Bilder so allgegenwärtig sind, dass man permanent am Rande einer Reizüberflutung entlangschrammt. Die Ausstellung setzt der Hilflosigkeit angesichts dieser Bildermassen einen klaren Blick auf die Prozesse entgegen, die Motive aus ihrer Beliebigkeit herauslösen können. Egal ob das spätere Berufsziel der Journalismus, Werbung und PR, die Politikberatung oder die Unternehmenskommunikation ist: das Wissen um diese Mechanismen hilft ebenso wie die Kenntnis einiger Klassiker aus der Fotogeschichte, die heute in Memes oder der Popkultur wieder zitiert werden.

Herr Rössler, vielen Dank für dieses Gespräch!

Fragen: Dr. Katrin Bomhoff, ullstein bild collection

Erstveröffentlichung am 10. September 2026.

In der Galerie sehen Sie eine Auswahl von Originalfotografien der fotografischen Sammlung Ullstein, gleichzeitig Exponate der Ausstellung Life-Ticker in der Kunsthalle Erfurt.

Das Fotodossier zum Thema finden Sie bei ullstein bild.