60 Jahre neue Gedächtniskirche Berlin

Pressefotografische Reise durch Berlin 1961

Ein selbstbewusster Mann und Architekt lehnt hier an der gemauerten Wand. Die Fotografin Fee Schlapper (1927-2000) wählte für ihre Aufnahme den direkten Blick von der ersten Reihe hinauf auf die Bühne und zu Egon Eiermann. Zum Zeitpunkt dieser Porträtierung war sein Neubau der Berliner Gedächtniskirche vermutlich schon abgeschlossen – erfolgreich abgeschlossen. Das Jahr der Einweihung 1961: Ein Jahr, in dem viele weitere Ereignisse das Bild der Stadt Berlin prägten, allen voran der Mauerbau. Und ein Jahr, das eine Reihe wichtiger Fotojournalisten und Fotojournalistinnen auf ihrem entscheidenden Weg durch die Stadt führte. Zu ihnen gehörte Claude Jacoby (1916-1964). Als Sohn jüdischer Eltern in Düsseldorf geboren, verließ er Deutschland 1938 – nach seiner Ausbildung zum Fotografen in Berlin – und floh in die USA. Der Tod von Ella und Arthur Jacoby im Ghetto von Minsk traumatisierte ihren Sohn für den Rest seines Lebens und trieb ihn heimat- und ruhelos durch die Welt. Zunächst meldete er sich freiwillig zur US Army, nach Kriegsende erhielt er ein Stipendium für das Studium der Fotografie in Los Angeles. Ab 1950 arbeitete Jacoby als Fotograf in Berlin für die Publikation Information Bulletin for the US Forces in Europe, und anschließend freiberuflich für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften in ganz Europa und in den USA. 1954 heiratete er die Schauspielerin Susanne Körber, Tochter des Regisseurs Veit Harlan und der Schauspielerin Hilde Körber. Claude Jacoby verstarb im Frühling 1964 an den Folgen eines zweiten Herzinfarkts in Oslo, wo er auf dem jüdischen Friedhof begraben wurde.

Zu den produktivsten Jahren Jacobys gehörte die Zeit von 1950 bis 1964, in der er einerseits weltweit reiste und fotografierte, andererseits in Berlin lebte und auch hier arbeitete. So entstanden 1961 das Luftbild des Breitscheidplatzes mit dem jüngst erstellten Neubau der Gedächtniskirche Egon Eiermanns und auch die Gesamtansicht des Potsdamer Platzes zur Zeit des Mauerbaus. Aus demselben Jahr datieren die Fotoserien zum Staatsbesuch des amerikanischen Vizepräsidenten Lyndon B. Johnson in Berlin, zur Berlin-Krise im August, des Mauerbaus und zur Situation der Flüchtlinge im Notaufnahmelager Berlin-Marienfelde. Politische Einschnitte, gesellschaftliche Veränderungen und individuelle Momente, für die der Fotojournalist seine Protagonisten und Bildmotive in Berlin fand.

Die Suche nach dem Kern der Ereignisse und Beweggründe spiegelt auch das Werk von Rudolf Dietrich (1936-2013). Nicht nur die Szenen vom Mauerbau im August 1961 und die sich hier gegenüberstehenden Menschen schaffen eine Nähe des Betrachters zum Geschehen. Gerade die scheinbaren Randereignisse werden zu herausragenden Bildern: Spielende Kinder vor einer Brandmauer in Berlin. Die erschreckend präzise Adaption der Kinder von Konstellation und Körperhaltung einer nachempfundenen Erschießungsszene an einem verlassen wirkenden Ort weckt auf: Noch gar nicht lange liegen die Kriegsereignisse in Deutschland zurück – umso frappierender die kindliche Unbekümmertheit eines ernsten Spiels. Auf einer anderen Fotografie Rudolf Dietrichs sprechen die Gesichtszüge des DDR Grenzsoldaten ihre eigene Sprache: in diesem Moment ein versunkener, ein in sich gekehrter Mann. Und die wenigen Attribute dieser Szenerie an der Bernauer Strasse gehören ganz zu ihm: das aufragende Bajonett seines Gewehrs, ein Friedhofskreuz und die Bruchstücke einer entstehenden, alles verändernden Mauer und innerdeutschen Grenze.

In eine völlig andere Welt entführt die Aufnahme von Jochen Blume (1925-2018) aus demselben Jahr 1961: ein Blick in das Berliner Modehaus des zu dieser Zeit erfolgreichen deutschen Modeschöpfers Heinz Oestergaard. Geschäftiger Ehrgeiz, Betriebsamkeit und Lifestyle der beginnenden 1960er Jahre werden spürbar. Für die Betrachter vereinen sich Werkstatt und Produkt, die Spiegelbilder der Frauen wirken wie der Urzustand ihres beruflichen Idealbildes, einer repräsentativen Modefotografie über ihren Köpfen. Der Bildautor Jochen Blume begründete sein konzentriertes Arbeiten einst mit der nachkriegszeitlichen Materialknappheit auch im Alltag der Pressefotografen. Eine gute Schule, nicht nach Belieben den Auslöser betätigen zu können, sondern zu wissen, dass der Moment den Bildschaffenden fordert. Folgerichtig heißt das von ihm überlieferte Postulat „Es nützt nichts, scharfe Bilder zu machen, wenn man unscharfe Ideen hat.“ Hier kommen grundsätzliche Erfahrungen zum Ausdruck – für die Arbeit des Fotografen bei der Deutschen Presse-Agentur und für die spätere Laufbahn in den Pressehäusern Axel Springer, Gruner + Jahr und Bauer, aber auch für die Zeit seiner Dozentur an der Hamburger Akademie für Publizistik.

Die erprobte Porträtfotografin Fee Schlapper formulierte 1989 für einen Film von Christiane Albus: „Es gibt viele wunderschöne Porträts, die in der Technik phantastisch schön sind, aber die vielleicht dann den Ausdruck nicht wiedergeben von dem Menschen. Und vielleicht nicht so sind, wie man sich den Menschen vorstellt. Ich find‘ die Technik spielt dabei gar keine so große Rolle, sondern einfach das Erfassen dieser ganz, ganz kleinen 250stel oder 50stel oder 100stel Sekunde, die diesen Menschen eben dann wiedergibt.“ Trotz jahrelanger, aufwändiger Reisen und Bildreportagen verstand sich Fee Schlapper nicht als Fotojournalistin. Ihre Porträtkunst geht dennoch einher mit den auch im Bildjournalismus geltenden Methoden und Prinzipien. Und seine Bandbreite über nahezu alle Sparten der Fotografie führte seit den ersten Tagen der Foto-Publikation zu Weiterentwicklungen, die ebenfalls von Anfang an bei Ullstein und heute in der fotografischen Sammlung von ullstein bild vertreten sind.

Dr. Katrin Bomhoff, ullstein bild collection, Axel Springer Syndication GmbH

Der Text ist Teil der Festschrift zum Jubiläum der Kirche am 17. Dezember 2021.

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