Ausrufung der Republik 1918

Interview mit Dr. Ludger Derenthal | Museum für Fotografie Berlin

Interview mit Dr. Ludger Derenthal, Leiter der Sammlung Fotografie der Kunstbibliothek – Staatliche Museen zu Berlin, zur Fotografie Philipp Scheidemann am 9. November 1918 auf dem Balkon des Reichstagsgebäudes, fotografiert von Erich Greiser, ullstein bild collection

_______________________________________________________________

Herr Derenthal, das Thema der Fotografien zur Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann am 9. November 1918 in Berlin beschäftigt uns sehr zuverlässig jedes Jahr im Vorfeld der Erinnerung an diesen Tag. Denn es sind nicht nur viele, später entstandene Aufnahmen dieses entscheidenden Ereignisses zur deutschen Geschichte im Umlauf. Sie werden auch sehr unterschiedlich, gar widersprüchlich betitelt und publiziert, was darauf schließen lässt, dass die Forschung auch in der Frage der Authentizität von Fotografien alles andere als einvernehmlich ist.

Anlässlich des Symposiums zur überaus erfolgreichen Ausstellung Berlin in der Revolution 1918/1919 im Museum für Fotografie stand im Mittelpunkt Ihres Vortrags eine bis dahin kaum näher untersuchte Aufnahme von einem bis dahin komplett unbekannten Bildautor namens Erich Greiser. Die Originalaufnahme gehört zur fotografischen Sammlung Ullstein und war Teil der besagten Ausstellung in Berlin. Sie wurde erstmalig bei Ullstein veröffentlicht, und zwar am 24. November 1918 in der Berliner Illustrirten Zeitung Nr. 47.

Warum haben Sie sich zur Untersuchung ausgerechnet dieser Fotografie entschieden?

Wenn es zu einem bedeutenden, symbolisch aufgeladenen Gründungsmoment der Republik eine Fotografie geben sollte, so würde diese ebenfalls einen geradezu ikonischen Stellenwert haben können. Der Widerspruch einiger Historiker seit den 1990er Jahren gegen die Authentizität der Aufnahme, die sich am Ende sogar in einem Gutachten der Wissenschaftlichen Dienste des deutschen Bundestages niederschlug, reizte mich umso mehr, mit den Methoden der Fotografiegeschichte Entstehung und Publikationskontexte der Fotografie von Erich Greiser zu untersuchen.

Zu welchen grundsätzlichen Ergebnissen kommen Sie im Rahmen dieser neuen Überlegungen?

Es handelt sich aus meiner Sicht tatsächlich um die Fotografie des historischen Moments: Scheidemanns Auftritt am 9.11.1918 wurde mit ihr festgehalten. Da Erich Greiser mit einer Kamera aus der Hand fotografierte und es auch ein typisch grauer Novembertag war, ist diese Fotografie nicht bestmöglich gelungen, sie wurde – wie das damals bei Publikationen üblich war – für den Druck optimiert, die Retuschen in der Berliner Illustrirten Zeitung oder für zeitnah veröffentlichten Postkarten führen aber zu keiner grundsätzlichen Verfälschung. Für diese These ist entscheidend, dass sich bei Ullstein der noch nicht überarbeitete Abzug vom Negativ erhalten hat.

Wo genau sehen Sie Widersprüche zu den bisherigen Theorien der Historiker, wo sehen Sie Übereinstimmungen?

Die Authentizität der Fotografie wurde mit zahlreichen Argumenten bestritten, die hier nicht alle im Detail erörtert werden können. Vor allem aber wurde behauptet, dass es sich bei der Fotografie um eine Montage aus mehreren Teilen handele. Die Proportionen seien unstimmig: Zuhörer und Redner auf dem Balkon würden nicht zusammenpassen.

Eine genaue Betrachtung der Fotografie wie auch der Besuch vor Ort erlauben eine Rekonstruktion des Kamerastandortes: Schauplatz ist die Westfront des Reichstags mit dem davorliegenden Königsplatz und dem Bismarckdenkmal. Scheidemann betrat den zweiten Balkon rechts vom Hauptportal durch das Lesezimmer. Vor dem Balkon führt mit etwa neun Meter Abstand von der Fassade eine breite Auffahrtsrampe zum Portal. Die Zuhörer standen in gehörigem Abstand vom Redner auf der Rampe, an deren hinterer Brüstung auch Erich Greiser mit seiner Kamera stand. Ein wichtiges Indiz für diese Rekonstruktion ist die an einer Stelle zwischen den jubelnden Menschen durchblitzende vordere Brüstung der Rampe. Die Distanz zwischen den Personen auf dem Balkon und der Rampe ist für die Größenverhältnisse auf der Fotografie ursächlich; die von einigen Historikern beobachteten „inkohärenten Proportionen“ und die in der Fotografie nicht erkennbare Höhenlage des Balkons lassen sich also schlüssig erklären. Die Lichtverhältnisse ließen nur die Aufnahme mit großer Blendenöffnung zu, wegen der dadurch fehlenden Tiefenschärfe sind die Demonstranten etwas schärfer erfasst als die Menschen auf dem Balkon.

Der zweite Montageverdacht betrifft die Figur des Redners, der, im Vergleich zu den unmittelbar hinter ihm stehenden Personen zu groß sei: das kann ich schlichtweg nicht erkennen. Erst in den Publikationen wurde die Rednerfigur vor allem in der Silhouette überarbeitet, um sie als Hauptperson deutlicher zu kennzeichnen. Das Foto von Erich Greiser hingegen bietet diese Eindeutigkeiten nicht an. Anders gesagt: die Aufnahme ist technisch zu schlecht, als dass sie eine Montage ist. Sie leistet in der Urform nicht ausreichend Identifikationsmöglichkeiten, die sie als ein ikonisches Bild hätte bieten müssen.

Wie bewerten Sie den Entschluss zur Publikation der Fotografie 1918 im Ullstein-Verlag?

Die Redaktion der Illustrierten hatte trotz der fotografischen Unzulänglichkeiten den historischen Wert der Aufnahme erkannt, wie die Bildunterschrift erkennen lässt: „Scheidemann erschien gegen ½ 2 Uhr auf einem Balkon des Reichstagsgebäudes und verkündete den Sturz der Dynastie und die Bildung der neuen Regierung. Diesen historischen Augenblick, der die Revolution einleitete, hat ein Photograph im Bilde festgehalten. Wir sind in der Lage, die seltene Aufnahme heute unseren Lesern zu zeigen.“ Die Publikation in der BIZ erfolgte jedoch keineswegs an prominenter Stelle. Erst auf der Seite fünf der Ausgabe, zudem auf der ‚schwächeren‘ linken Seite und in recht kleinem Format (wenn auch größer als der Originalabzug) war sie platziert worden. So ganz überzeugt von der symbolischen Kraft der Fotografie war man also wohl nicht.

Welche Fragen bleiben noch offen?

Die Biografie Greisers ist noch nicht ausreichend recherchiert. Ich konnte einen in Lichtenberg wohnenden Mechaniker dieses Namens in den Berliner Adressbüchern finden. Ich nehme an, dass er die Aufnahme als Amateur machte, die Bedeutung seines Schnappschusses erkannte und die Vermarktung mit dem Verkauf an die Berliner Illustrirte und der Produktion einer Postkarte selbst in die Wege leitete. Auch wäre es gut, mehr über den von ihm verwendeten Fotoapparat zu wissen. Ich vermute, es war eine kleinformatige Klappkamera für Rollfilm, die schon im Ersten Weltkrieg massenhaft auf den Markt kamen. Es fehlen aber hier die Belege.

Die Debatte um die Authentizität der Fotografie selbst wird noch zu sehr in kleinen Kreisen geführt. Solange rund um jeden 9. November immer wieder in den Massenmedien (und selbst auf Briefmarken) andere Fotografien und Filmausschnitte präsentiert werden, die im Lauf der Jahrzehnte fälschlich als Bilder des Ereignisses ausgegeben wurden, überlagern diese das tatsächlich vorhandene fotografische Dokument der Ausrufung der Republik. Über die Bedeutung des Moments gehen die Meinungen der Historiker ebenfalls auseinander. Dazu lässt sich aus der Perspektive der Fotogeschichte zumindest erläutern, welche wichtigen Funktionen die vielen Fotografien der vielen Redner während der Revolution im politischen Diskurs erfüllten.

Vielen Dank, Herr Derenthal, für dieses Gespräch!

 

Das Interview führte Dr. Katrin Bomhoff, ullstein bild collection.
Erstveröffentlichung am 12. Januar 2022.

Die Originalfotografie von Erich Greiser / ullstein bild collection wird 2022 erneut in einer Ausstellung zu sehen sein: Fotografie in der Weimarer Republik im Peter-Behrens-Bau, LWR-Industriemuseum in Oberhausen, vom 23.01. bis 29.05.2022.

In der Bildergalerie sehen Sie neben der Aufnahme von Erich Greiser eine Auswahl weiterer Ullstein-Originalfotografien zum Thema, das entsprechende Dossier finden Sie bei ullstein bild.

Kontakt

Dr. Katrin
Bomhoff
Senior Manager Asset & Exhibition
+49 30 2591 73164
Foto: Annette Koroll
Dr. Ludger
Derenthal
Leiter der Sammlung Fotografie der Kunstbibliothek – Staatliche Museen zu Berlin