To-day!

Fragment und Fotografie bei Ullstein

Ausstellung Life_Ticker – Bildpublizistik im 20. Jahrhundert. Kunsthalle Erfurt

Ausstellungsbegleitender Text von Dr. Katrin Bomhoff

 

Zusammenfassung:

Die Sammlung Ullstein zeigt, wie Fotografie und Publikation im 20. Jahrhundert gemeinsam die öffentliche Bildberichterstattung prägten. Ullstein setzte Fotografie früh in das Zentrum seiner Publikationen und arbeitete mit bedeutenden Bildautoren wie James E. Abbe oder Martin Munkácsi zusammen. Originale Kontaktabzüge, Reportagen und Begleittexte dokumentieren globale Themen, darunter den Zeppelinflug von Berlin nach Rio de Janeiro und Reisen durch die USA und Russland.

 

Fotografie und Publikation – in der heutigen fotografischen Sammlung Ullstein gibt diese Verbindung den Takt vor, die Zielrichtung im Berliner Ullstein Verlag war stets klar: Veröffentlichen. Häufig offenbart erst die Zeitungs- oder Zeitschriftenseite den Kontext, in dem eine Fotografie zu ihrer Entstehungszeit gesehen wurde, und eindeutiger: für den sie genutzt wurde. Als entscheidende Voraussetzung gilt, dass sich Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem Ullstein Verlag ein publizistisches Schwergewicht in Berlin zunehmend etablierte und von hier aus den Markt facettenreich mit Titeln wie Uhu, Tempo, Die Dame, Berliner Illlustrirte Zeitung eroberte. Diesem Takt der Veröffentlichung von Fotografien Gehör zu verschaffen, gibt Anlass zu neuen Fragen und Schlussfolgerungen. Was hat er in den höchst unterschiedlichen Jahrzehnten der fotografischen Sammlung Ullstein bewegt, welche Allianz von Text und Foto, welche Ergebnisse hat er hervorgebracht? Wie in der aktuellen Ausstellung Life_Ticker zu sehen ist, vermittelt jeder Einzelfall einer veröffentlichten Aufnahme individuelle Zusammenhänge. Der von der Berliner Illustrirten Zeitung schon 1919 für die Fotografie formulierte Anspruch vom „zeitgeschichtlichen Mikroskop des Weltbürgers“ erlaubt den Blick auf die frühen Diskussionen zur Fotografie und auch den Widerstand. Denn mit dem Einzug der Momentfotografie und auch der Reportagefotografie wächst einerseits der Bedarf, andererseits die Frage nach ihren Berechtigungen und ihren Grenzen.

Was kennzeichnet den täglichen Umgang mit den Bildern des Lebens bei Ullstein? Um dieses Thema schlaglichtartig zu beleuchten, können wir neben den Fotografien und Zeitungsartikeln weitere wichtige Quellen befragen: originale Dokumente, Versatzstücke, die die Zeit überdauert haben, auch wenn ihnen bislang wenig Bedeutung zuerkannt wurde. Sorgsam formulierte Briefe, ausführliche Bildtexte, signierte Werke, Kurzkorrespondenz. Sie alle verdeutlichen: Zu dem mächtigen Torso der fotografischen Sammlung Ullstein gehören Einzeldokumente, die Einblick gewähren in eine Tagesarbeit und Routine, sie klären oder bestätigen Vorgehensweisen und Zusammenhänge.

Von Beginn an sondieren verschiedenste Redaktionen regelmäßig die Möglichkeiten der Fotografie. Ideengeber bei Ullstein wie der künstlerische Direktor Kurt Safranski (1890-1964) und der Chefredakteur Kurt Korff (1876-1938) entwerfen konkrete Pläne, sie kennen ihr Publikum und sie verpflichten entscheidende, erstrangige Fotografinnen und Fotografen. Die Spuren dieser beiden Ullstein-Protagonisten hält ein Originaldokument des Fotografen James E. Abbe (1883-1973) fest. Sein Brief aus Hennequeville in Frankreich vom 28. Dezember 1928 ist an Kurt Safranski adressiert und dokumentiert neben der Übermittlung des Bildmaterials eine persönliche Verbindung der beiden Akteure. Auslöser für diese Korrespondenz sind die für die Veröffentlichung erforderlichen Bildtexte. Abbe fertigt für Ullstein eine bemerkenswerte Serie von Porträtaufnahmen der russischen Schauspielerin Ludmilla Pitoeff und ihrer Familie, auch diese Originalfotografien sind Teil der heutigen fotografischen Sammlung Ullstein. Zum Schluss des Briefes an Safranski schreibt er: „The children were delighted with the Christmas presents you sent them. It speaks well for German made toys that John (the youngest and most destructive) has not yet been able to remove the eyes from the toy dog, although he has not yet given up in despair.“ Eine Randbemerkung nur, die jedoch zeigt, wie der persönliche Kontakt zwischen Entscheidungsträgern und Fotografen zum Teil über Jahre hinweg den Austausch zur Neuausrichtung und Gestaltung der Publikationen befördert.

Ein starkes Votum für die bildliche Darstellung liegt der Berliner Illustrirten Zeitung von Anfang an zugrunde, die „auf vollkommen unbekanntem Wege eine Bildberichterstattung durch Photographie und Zeichnung einführte.“ So beschreibt der Redakteur Max Osborn in einem Beitrag für das 1929 erschienene Kompendium Der Verlag Ullstein zum Weltreklamekongress Berlin rückblickend die neue Ausrichtung. Die Intention, Fotografien in den Mittelpunkt zu stellen und ihre Aussagekraft zu nutzen, erfährt bei Ullstein über Jahre hinweg konsequente Anwendung. Unter der Überschrift Eine neue Künstler-Gilde. Der Fotograf erobert Neuland veröffentlicht der Uhu im Oktober 1929 einen mehrseitigen Beitrag mit den Porträts der Fotografen Emil Otto Hoppé, Sasha Stone, Martin Munkácsi, James Abbe, Albert Renger-Patzsch, André Kertész, Dr. Erich Salomon, und László Moholy-Nagy. Vier Jahre später subsumiert er die weiblichen Kolleginnen unter der Überschrift Männer vor der Kamera – Geschildert von den Fotografinnen Nini und Carry Hess, Riess, Yva, Becker und Maass, Gerty Simon, Erna Lendvai-Dircksen und Elli Marcus. Eine Hommage und gleichzeitig ein Bekenntnis zu den Bildautorinnen und Bildautoren.

Mit Fotografen wie Martin Munkácsi (1896-1963) verbindet Ullstein eine intensive und erfolgreiche Zusammenarbeit. Davon spricht ein weiteres Versatzstück: Eine umfangreiche Serie von Kontaktabzügen zum Südamerikaflug des Zeppelin LZ 127 und die zum Teil handgeschriebenen Bildtexte. Die kleinformatigen, handlichen Abzüge ermöglichen als Arbeitsmaterial dem Betrachter, sich schnell einen Überblick über das Bildthema und das Bildangebot zu verschaffen. Die ungarisch verfassten Texte hingegen belegen die inhaltliche Zulieferung des Bildautors anlässlich dieses großen Ereignisses, der Zeppelinfahrt Berlin-Rio de Janeiro. Die Außergewöhnlichkeit des Unterfangens spiegelt sich nicht nur in den Aufnahmen wider, sondern auch in dem ausführlichen Begleittext, der schon zu Beginn festhält: „Die große Frage ist also geklärt! … Das Trio Graf Zeppelin-Maybach-Eckener, diese drei brillanten Köpfe der Wissenschaft, hat Zeit und Raum überwunden. Es hat den Verne’schen Träumen Gestalt verliehen. Es hat den Traum der Fantasten wahr gemacht… Der Graf Zeppelin verkehrt regelmäßig zwischen Europa und Südamerika.“ Im Original: „Tehát megoldodott a nagy kérdés!... A Gráf Zeppelin-Maybach-Eckener-trio, a tudomanynak ez a három ragyogó artistaja, áttornázta as idöt s a teret. Pontok tett a Verne-féle almok fölé. Megvalositotta a fantaszták álmát… A Graf Zepplin menetrendwzeruen közlekedi Europa és Délamerika között!“ Als Auftragsarbeit für Ullstein setzen sich Munkácsis Aufnahmen natürlich auch in den Publikationen durch. Hierzu dient eine beeindruckende Serie großformatiger Fotografien. Sie entfalten ihre volle Wirkung in den Veröffentlichungen der Berliner Illustrirten Zeitung. Aus gutem Grund, denn die Transatlantikflüge unter Hugo Eckener gelten als Rekordhalter und stehen für einen enormen technischen Fortschritt; die von 1931 bis 1937 regelmäßige und direkte Verbindung Deutschland-Brasilien gehört zu den großen Errungenschaften ihrer Zeit.

Die Verbindung zu allen Kontinenten zu halten und die Welt dauerhaft zu erkunden, zählt von Anfang an zu den Leistungen der Fotografie. Ein Erfolgsunternehmen wie das der beiden Fotografen Georg (1873-1942) und Otto (1872-1945) Haeckel trägt diesen Anspruch im Programm: Photographien aus aller Welt. Tatsächlich lässt der umfassende Bestand bei Ullstein kaum einen Wunsch frei für das „Mikroskop des Weltbürgers“, den das deutliche Interesse an menschlichem Leben, Denken und Handeln auszeichnet. Auch in der nachfolgenden Generation der Fotografen erschaffen die Reise- und Reportagebilder einen Einblick in die weltweiten Bedingungen von Alltag, Politik, Kultur und Wirtschaft. James A. Abbe schickt zusammen mit seinen Aufnahmen ausführliche Texte aus den USA und aus Russland an Ullstein. Als Zeitzeugnisse sind sie eine wichtige Ergänzung zu den Veröffentlichungen. Im Fall der Fotoserie zu Chicago rahmt er seinen Bericht mit pointierten Zusammenfassungen. Über die Stadt und ihre Bewohner notiert er: „Chicago furnishes the thrills to standardized America, shocks to the dignified old worlds, and amuses itself in the most wholehearted manner possible.“ Zum Schluss beschreibt er die Menschen: „… a people who go to the limit in everything they undertake.“ Diese Eindrücke nachvollziehbar zu finden fällt nicht schwer, wenn man die 1931 in Chicago entstandene Fotografie von Abbe inmitten von vier Kriminalbeamten betrachtet. Inmitten eines Landes unter wirtschaftlich krisenreichen und gesellschaftlich extremen Voraussetzungen. Dennoch vermitteln viele seiner Fotografien neben ihrer erstrangigen Qualität als Reportagefotografien das Bild eines höchst fortschrittlichen und aufstrebenden Teils der Welt. Anderes gilt für seine Russlandreis in den 1920er Jahren. Sein Bericht, versehen mit der handschriftlichen Notiz „To-day!“, beginnt mit einem Fazit: „Moscow University is no longer the Heidelberg of Russia.“ Zur Begründung: „The graduates must be technical experts; it is not considered they know even Russian history, or Russian literature, except that which has a direct bearing on the revolution.“ Der Text beschreibt das Leben von Studierenden und Lehrenden unter den neuen politischen Voraussetzungen und in Folge einer Revolution, die deutliche Spuren in allen gesellschaftlichen Bereichen hinterlässt.

Jeder Text eines Fotografen zeugt von seinen Kenntnissen des Themas, von seinen Erlebnissen und vermittelt ein Bild seiner Persönlichkeit. Sei es Waldemar Titzenthaler (1869-1937), der eine Bildlieferung zum Brandenburger Haus in den Ötztaler Alpen für die Redaktion der Berliner Illustrirten Zeitung 1909 handschriftlich kommentiert. Sei es Friedrich Seidenstücker (1882-1966), der zu seiner beeindruckenden Fotoserie vom Glockenguss in Apolda einen auf den Oktober 1933 datierten Begleittext verfasst. Alle Dokumente sprechen von der Nähe der Bildautorinnen und Bildautoren zum Verlagshaus Ullstein in Berlin, dessen Protagonisten mit großem Gespür und mit Kenntnisreichtum die Verbindung von Fotografie und Öffentlichkeit geschaffen haben.

 

In der Galerie sehen Sie eine Auswahl von Originalfotografien und Exponaten aus der Sammlung Ullstein. Das komplette Bildangebot zu allen Ullstein-Exponaten der Erfurter Ausstellung finden Sie bei ullstein bild: Teil 1 und Teil 2.

Das Interview mit Prof. Patrick Rössler, Medien- und Kommunikationswissenschaft Erfurt zum Thema Ullstein und Life_Ticker.